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Aus der Geschichte des Hauses „An der Liebfrauenkirche Nr. 7“

Kindheitserinnerungen von Elsbeth Hotes geb. Cassau

  

Die Stadt Neustadt hatte den ganzen Komplex - Giebelhaus, Ställe und Gärten - von der Familie von Weyhe (ca. 1850) gekauft. Die uralte Knabenschule, die im noch heute stehenden Storchenhaus untergebracht war und die gegenüberliegende kleine Mädchenschule, die zu baufällig geworden waren.

Aus den Viehställen wurden Klassenräume gemacht. Sie wurden mit Sechserbänken ausgestattet, die aus rohem Kiefernholz gezimmert waren. Der Lehrertisch stand auf einem Podium. In der Ecke bullerte im Winter ein riesiger Eisenofen, der meist mit Torf geheizt wurde.

Die Hühner- und Ziegenställe, auch den Schweinestall ließ man in ihrem alten Zustand, damit die beiden Lehrerfamilien, die im Giebelhause ihre Dienstwohnung hatten, bei ihrem schmalen Gehalt etwas Viehzucht betreiben konnten.

Der Schulhof wurde mit grobem Kies bestreut. Die Schulpausen, in denen meine Mutter kaputte Knie verbunden hat, sind gewiss nicht zu zählen! Das Schönste auf diesem Schulhof war der riesige Nussbaum. Er war so dick, dass  Schmied Bormann 2 dicke eiserne Reifen um den Stamm legen musste damit die gewaltige Krone ihn nicht auseinander riss.

Er warf in jedem Herbst mit den gelben Blättern auch Unmengen frischer Walnüsse auf den Kies. Da ist der Eingang, flankiert von 2 breiten Steinsitzen.

Hinter der schweren Eichentür kam man gleich auf den langen ziemlich finsteren Flur. Meine Eltern kauften einen roten Sisalläufer, damit die dunkelgrauen Sandsteinfliesen etwas freundlicher aussahen.

Links führte eine ausgetretene Eichentreppe mit weißem handgeschnitztem Geländer nach oben, wo Diekhoffs wohnten. Geradeaus ging es in das kleine Esszimmer, einem ganz gemütlichen Raum mit dem grünen runden Kachelofen in der Ecke und dem Blick in Diekhoffs Garten.

Daneben lag eine altmodische Küche. Wie mag meine Mutter erschrocken sein, als sie dort einzog. Über dem eisernen Herd gähnte ein rabenschwarzer, offener Kamin. Wenn der Schornsteinfeger kam und den Schieber öffnete, konnte man den Himmel sehen! Hinter dem Gossen stein an der Außenwand war ein handgroßes Loch mit einem Feldstein zu verschließen. Und hinter dem Loch draußen war ein Rinnstein schräg an die Ziegelwand gelehnt. Der fing das ablaufende Spülwasser auf und leitete es in die unten vorbeilaufende Gosse. Darin war manchmal so viel Wasser, dass man bei Regenwetter sogar Papier- oder Torfschiffchen schwimmen lassen konnte.

Gegenüber dem Schlafzimmer der Eltern links vom Eingang hatten wir noch 2 Stuben, eine , in der das schöne Helmholtz-klavier stand und der Bücherschrank mit der quietschenden Tür. In dieses Zimmer wurde jeder nette Besuch geführt. Wenn aber ganz feiner Besuch kam, ging man in den "Salon" dahinter.  Ich glaube, dieser Salon mit den rot glänzenden Mahagoni Möbeln und den grün plüschenen Seerosensesseln, einem zartgemusterten hellgrünen Teppich und allerlei hübschem Krimskrams und vielen Blumentöpfen war für meine Mutter ein großer Trost. Sie kam aus einem wenig begütertem Haus.  

Oma Christinck war Witwe.

Sie konnte ihrer Lilly nur wenig in die Ehe mitgeben, nur das Schlafzimmer war sehr hübsch und als Glanzstück gab es den feinen Jugendstilsalon.

Er versöhnte meine Mutter mit den Unbequemlichkeiten des alten Hauses, mit den rauchigen Öfen, den zugigen Fenstern und Türen, den Holz- und Torfbutzen, in denen meistens Mäuse nisteten, und der "Dunkelkammer“.

Ach diese Dunkelkammer!

Ihre beiden Fenster gingen auf die im alten Neustadt häufige "Gatze", dem lichtlosen schmalen Streifen zwischen 2 Hauswänden. Irgendein Student hatte in die grün-gläsernen Scheiben ein Verbindungswappen eingeritzt. Die alte Frau Diekhoff erzählte, früher einmal seien 2 Studenten miteinander in Streit geraten und hätten draußen im Garton ein Duell ausgetragen. Einer sei dabei erschossen worden und hier im grünlich dunklen Zimmer gestorben. Diese Geschichte konnte uns Kindern die kalten "Gräsen" über den Rücken jagen.

 

Womit die Eltern und wir Kinder nie versöhnt waren, das war das seltsame Klohäuschen hinter dem Schulhof, ein langgestreckter Bau mit vielen kleinen Käfterchen für die Schulkinder und 3 extra Käfterchen für die Lehrer.  Damals letzter Schrei und modern!

Aber der Blick in die Tiefe, manchmal auf irgendwelche unbekannten Dinge, gehört zu den schlimmsten Erinnerungen. Zu allen Tages- und Nachtzeiten über den Schulhof dahin zu wandern war eine Strafe. Der Kies knirschte, der riesige Nussbaum rauschte und die Birnbäume, die dieses Haus umstanden, warfen Schatten und raschelten mit den Zweigen an den Dachziegeln. Und hatte man unter Herzklopfen eilig sein Ziel erreicht und lies sich auf dem Bänkchen nieder, dann räusperte sich nebenan der alte Diekhoff, oder - wer weiß, womöglich ein fremder Mensch...  ein Dieb oder der Mörder Sternickel, der sein Unwesen triebt!

 

2 Freundinnen

In dem Giebelhaus hinter den 2 Fenstern unten rechts bin ich am 28. Januar 1906 geboren, sonntags abends um 8 Uhr. Im gleichen Jahr wie ich wurde im Hause Schulstr. 5 (Standort des neuen Gemeindehauses neben der Superintendentur) auch ein Mädchen geboren, Grete W.

Sie wurde meine getreue Spielgefährtin. Sie war mir nicht an Ideen, aber an Dickfälligkeit und Dreistigkeit überlegen. Es grenzt an ein Wunder, dass, wir bei unseren oft seltsamen Spielen in Dreck und Matsch meist gesund geblieben sind. Die Mutter waren übereingekommen, ihre kleinen Mädchen wechselseitig nicht etwa zu ermahnen, nein, zu verhauen! Das vollzog sich in unserer oder in Ws. Küche mit dem Teppichklopfer und tat zum Glück nicht sehr weh. Wir setzten uns dann heulend auf die Treppe. War das denn so schlimm, dass wir gern mal die Hosen (Leinenhosen mit Spitze und Klappe) nass machten, dass wir so gerne den Spülstein unter dem Küchenfenster ableckten, das Schmutzwasser aus der Schulstraßengosse tranken? Herrlich was es, sich auf den verschiedenen Torfböden völlig einzustauben oder, und das war der größte Spaß, bei Tau- oder Regenwetter auf dem Hosenboden den nassen, lehmigen Steinkuhlenberg runterzurutschen.

 

Grete tauchte meistens zur Frühstückszeit bei uns auf. Sie stand dann plötzlich auf der Türschwelle, von wo aus sie den gedeckten Frühstückstisch überblicken konnte. Eine Weile wartete sie mit großen Augen.  Schließlich sagte sie: "Ebeth Mutter, gib mich auch ein Brötchen".  Sie kriegte eins, mit Butter bestrichen.  Ihr Blick fiel auf das Marmeladenglas.

"Was is´n da drin?"   "Das ist Zwetschenmarmelade."  

Sie dachte nach. Das war ja ein schweres Wort.  Schließlich sagte sie: "Ebeth Mutter, gib mich doch ein Schwetschenbaum!"  Natürlich kriegte sie auch ein Brötchen mit Marmelade.  Meine Mutter sagte dann wohl: "Elsbeth, Du musst nicht so schmatzen!"  "Aber ich esse doch ganz leise, Mama."  Das war so die feine Art meiner kleinen Freundin Grete beizubringen, dass sie manierlich essen sollte. Aber es fruchtete natürlich nichts. Sie aß in Windeseile. Während ich höchstens ein Brötchen und eine Scheibe Brot bekam, forderte Grete weiter.  "Ebeth Mutter, gib mich doch noch ein Brötchen mit Schwetschenbaum."  Meine Mutter fand dann wohl, nun wäre es genug.

Aber Grete gab noch nicht auf, sondern zeigte mit dem Finger auf die letzten Brötchen. "Gib mich das da!"  "Das muss nun unser Opa aus Oldenburg essen, der ist bei uns zu Besuch."  "Und das da?"  "Das muss auch der Opa essen."

Sie wandte sich empört ab.  "Na, wie viel eßt Euern Opa denn?!“

 

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